Andreas Neumeister legt eine Schallplatte auf und geht mit mir in ein Polleschstück

Text

 

Körper, auf denen gespielt wird / Kopfhörer, die den Text vorsagen / Zuschauer, die mitsummen / was willst du sein?

 

 

Intro_

_Musik im Ohr, als ich zurückkomme, immer noch Musik im Ohr, immer noch die ganze Musik eines Abends, auf wenige Pfeiftöne zusammengeschoben, ist es das?, Musik in den Gehörgängen, Musik aus den Gängen des Clubs, wo wir darüber sprechen, warum und wie und wie schnell das sein müßte, das Theater, zum Beispiel so: eine Band aus Menschen, die alles, was sie jetzt gerade lieben und nicht lieben, alles, was sie wundert und aufregt und berührt, zusammenwerfen: Farben, Songs, Muster, Bilder, Sounds und Gefühle, sage ich, einfach so eine Band, sage ich, Vorsicht!, ruft Pelle, Vorsicht: Mikrophone!, ¿Mikrophone?, welche denn, was für welche denn, wieviele, in welcher Entfernung von uns, auf welcher Lautstärke?, wie der starke Hall eines Konzertmitschnitts mit einem großen Orchester auf dem Kopfhörer die Akustik des Raums, in dem du den Kopfhörer trägst, überlagert, wie das helle, bunte Videobild aus dem Beamer die Architektur meines Gesichts, das ja selbst kein Licht abstrahlt, überlagert, aber was genau, fragt Jonte, was wolltest du denn sein?, fragt er, fragt Jonte, ¿ein Keyboard oder ein Sampler, oder?, Moment mal!, sagt Pelle, seit wann sprechen wir über das, was wir machen wollen, in der Vergangenheitsform?_

_Musik ist mir eigentlich zu viel, sage ich zu Andreas Neumeister, Musik ist mein Leben, aber Musik überfordert mich, weil ich unmöglich jede Schicht gleichwertig hören kann, nein, weil du möglicherweise jede Schicht gleichzeitig hören kannst, ist dir die Überforderung alles andere als bewußt, sagt Andreas Neumeister zu mir, mehr sagt er nicht, bis die Musik vorbei ist, wenn die Musik vorbei ist, wird der Abend zuende sein, und wohin dann?, es braucht schon ein sehr geübtes Ohr, um ein komprimiertes Stück Musik vom nichtkomprimierten Original zu unterscheiden, der Versuch, zu hören, was weggelassen wird, im mp3, als fiktionsbedingtes Risiko, ¿Fiktion oder Fiction?, ¿Realität oder Reality?, vielleicht interessiert mich Theater, weil ich mir immer vergeblich eine Band gewünscht habe, [¡but there is no rewind button for life!]_

_beim Einschlafen im Theater der Gedanke, wofür Theater das Testbild ist, sagt Jonte, beim Einschlafen helfen die Testbilder im Fernsehen nicht mehr so gut, weil es sie nicht mehr gibt, sagt Pelle, beim Einschlafen ist Musik am Schönsten, wenn sie nur aus der Ferne kommt, wie aus einer fernen Zukunft, sage ich, ach ja, Zukunft: ein Astronaut im Raumanzug, der durch die Halle eines Theaters läuft, off the ground, und über die Funkfunktion im Raumhelm mit einer Funkerin spricht, und zwar die Dialoge, auf wenige Sekunden zusammengeschnitten, die die wartenden Theaterbesucher wenige Minuten zuvor in der Halle sprechen, und während der Astronaut im Raumanzug schwebt, darüber nachdenken, was mit dem Space und den Theatern eigentlich passiert_

_[pre-recorded:] am 23. März 2007 legt Andreas Neumeister, master of listing/master of listening, in der Bar der Münchner Kammerspiele eine Schallplatte auf, die ich ihm in der Nacht auf den 26. November 2006 an den Plattentellern in Hildesheim überreiche, am 23. März 2007 setzt Andreas Neumeister, nachdem er und ich ein Stück von René Pollesch sehen, den Plattenarm auf meine Schallplatte, die nun seine ist, und auf der Angela Davis an die Jugend der Welt spricht, und könnte ich ihr den Text eingeben wie einem Computer oder einem Schauspieler auf der Bühne, würde sie folgendes sagen: im Theaterraum, im Jahr 1887, Körper von Schauspielern, die da stehen und in Versen sprechen, was ihnen ein Dichter ihrer Zeit in den Mund legt, Körper aber, denen die Geschwindigkeit der Eisenbahn, die Treffsicherheit der Fotografie und die Lautstärkeregulierung des gerade erfundenen Grammophons schon ins Spiel übergangen sind, dagegen im Theaterraum, im Jahr 2007, Körper von Schauspielern, die hundertzwanzig Jahre alte Verse eines Dichters in den Mund nehmen, die sie anders sprechen als Schauspieler vor hundertzwanzig Jahren, ok, die sie aber genau so sprechen wie alle anderen Schauspieler im Jahr 2007, die Verse sprechen, copy copy copy, und jetzt?, Schauspielkörper, die stehen, sitzen, rennen, tanzen, vor allem: sprechen, ohne daß man ihnen anmerkt, daß sie die Stadt um ihr Stadttheater herum jeden Tag sehen, daß sie Videoclips und das Internet kennen, daß in ihnen Gefühle entstehen, aber nicht schon drei Wochen vorher, im Probenprozeß, sondern genau jetzt, heyheyhey, wo ist die Gegenwart?_

_copy/shut/waste: Medientheoretiker Geert Lovink fragt: Ist es nicht vor allem das deutsche autoritäre Bürgertum, daß die Bilderflut nicht abkann, und zutiefst irritiert ist, daß das Fernsehen nicht mit einer Stimme spricht?_

_copy/cut/paste: aus dem Theaterraum ausschneiden und rein in die Stadt/rein ins Netz/rein ins innere All!, oder anders herum?, jedenfalls raus!, [hey baby, space is just around the corner!]_

_drei Möglichkeiten [click here!]

  • in den virtual space gehen
  • in den inner space gehen
  • in den public space gehen

_drei Möglichkeiten, und die alles entscheidende Frage: wie stehen unsere Körper zu diesen drei Möglichkeiten?_

 

No.1_virtual space: Dialoge mit Suchmaschinen

_berichten, mit minutiösem Erinnerungsvermögen von einem Theaterabend berichten ohne Theater, nur Platz nehmen und schauen und zuhören, wie sonst im Theater, und doch ist alles anders, beim Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nichtwissen, achtzig kleine Bühnen vor mir, achtzig Glühlampen, immer eine pro Bühne, und auf den Kopfhörern Gespräche, die Kopfhörer gehören für einen Abend mir, gegen Vorlage eines Dokuments, mit dem ich meine Identität nachweise, [sollte dieser Abend anders zuende gehen, als ich denke, durch ein Abbrennen des Theaters zum Beispiel, durch meine Vergeßlichkeit, den Kopfhörer zurückzutauschen zum Beispiel, durch einen Herzinfarkt zum Beispiel, wer wird mich anhand der Abdrücke meiner Ohrmuscheln im Kopfhörer identifizieren?], ein Theaterabend, der so theatral ist, daß ich alle Inszenierungen, die ich in den Wochen zuvor sehe, sofort vergesse, denn: achtzig Glühlampen und achtzig Stücke auf einmal, deren Texte jetzt gerade entstehen, Dialoge, deren Repliken sich nur aus dem Leben der beiden Dialogpartner speisen, da nichts anderes vorhanden ist, sich gegenseitig zur Suchmaschine machen für das, was man finden will, mit dem Kopfhörer schalte ich mich in Gespräche, aber der Plan auf dem Papier: ungenau, was diesen Abend zu dem machen wird, was er dann ist, während ich suche, wer denn nun grad auf dem Kanal, den ich in den Kopfhörer gesendet bekomme, spricht, erliege ich immer wieder meiner Wahrnehmung: die richtige Glühlampe zum richtigen Dialog finden, um dem Dialog beim Entstehen zuzusehen, Möglichkeit Eins: die Frau bewegt die Lippen in der richtigen Geschwindigkeit, aber formt nicht die richtigen Worte, Möglichkeit Zwei: hier sind die Lippen so klein, daß ich ihre Bewegungen nicht sehe, aber die Bewegungen des Körpers, der spricht, und das Nicken des Körpers, der nicht spricht, stimmen, oder stimmen nicht, nein, weitersuchen, für Möglichkeit Drei, oder: nein!, nicht mehr weitersuchen, lieber den Dialog anhören und auf die lippensynchrone Fassung verzichten, den Dialog anhören und ganz falsche Bewegungen dazu sehen und denken, Wow wow wow!, wie das paßt, gerade, weil es nicht paßt!, den Dialog anhören und auf die Logen sehen, auf die Zuschauer, auf die Glühlampen und verstehen: das hier ist nur jetzt, für den Augenblick, und niemand zeichnet auf_

_in nullkommanullfünf Sekunden gefunden, Ergebnisse Eins bis Zwanzig zu: Theater, so schnell wie Suchmaschinen wird das Theater nicht sein, aber ein Theater, das schnell reagieren kann, das seine Autoren das schreiben läßt, was jetzt gerade da draußen passiert, aus Zutaten/Zitaten machen, was die Gegenwart, was zumindest ein Teil der Gegenwart ist, warum zum Beispiel kein Stück spielen, bei dem Menschen aus dem myspace-Universum als die Figuren auf der Bühne stehen, die sie in diesem Universum sind?, mit ihrem myspace-Namen, ihre myspace-Geschichte erzählend, die ja von Anfang an nur die Geschichte vieler sein kann, weil du vom ersten Augenblick an mit allen anderen Geschichten verbunden bist, [Gegenwart is in your extended network!], also die Gegenwart nicht einfach den Blogs überlassen, die Sprache nicht aus den Blogs lösen, sondern in den Verlinkungen belassen, die Sprache durch die Medien schicken, die Medien durch die Sprache schicken, die Differenzen suchen, und dann, dann_

_was willst du sein?, ¿eine Suchmaschine?, ¿ein mp3?, ¿ein Link?, fragen Jonte und Pelle, und ich sage, Ich weiß nicht, aber ich mag es auch, wenn die Frage kurz offen bleibt, lang offenbleibt, vielleicht so: ein Stück entstehen lassen zwischen einer Frage und noch einer Frage, zwischen zwei Themenkomplexen, die allein schon genug wären für eine Trilogie, von Differenzen ausgehen, Differenzen aber nicht gleich wieder schließen, von einem space in den anderen springen und die Sprache dazwischen nicht gleich schließen!, die Sprachen aller, die mitspielen, ausnutzen, für diese Differenz, stattdessen: mit Schauspielern über Theatertexte diskutieren, in denen die Sprache die Hauptrolle spielt, mit Schauspielern über Computerspiele diskutieren, mit Schauspielern über Theatertexte, in denen die Sprache von Computerspielen die Hauptrolle spielt, diskutieren, was soll das bitte auf dem Theater?, diskutieren und wild diskutieren und wild und laut diskutieren und rufen: hey baby, life is just around the corner!, was weiß mein Körper vom Computerspiel?, nichts?, na, und schon wird er mitgerissen!, Leben: please select your computer system!, NOW!_

 

No.2_inner space: über Kopfhörer sprechen lernen

_wie ein Französischkurs, wie ein Polnischkurs, wie ein Japanischkurs: Kopfhörer auf und los!, auf der mittleren von drei Leinwänden tauschen Schauspieler sich gegen Zuschauer aus, zum Beispiel gegen eine Norwegerin um die fünfzig, die unablässig in die Kamera schaut, einen Mann spielt, und später als Mann einen anderen Mann, der auch von einem Mann gespielt wird, küßt, die, sage ich zu Jonte und Pelle, und das ist das Wichtige: die den Text spricht, als wäre sie dabei, einen Teil ihres Lebens zu erzählen, und das will ich merken, sagt Jonte, wie bei einem Konzert, sagt Pelle, Erfahrung, Erfahrung und Gefühle, die in den Text hineingelangen, weil sie gerade in dem Moment entstehen, nicht, weil Sekundärtexte zur Figur vorsagen, welche Emotionen da sein müssen, während andere Sekundärtexte der Figur das Gegenteil nachsagen, Gefühle, zwischen Kopfhörer, Ohr und Herz entstehend, Emotionen im 21. Jahrhundert, e-motions, oder wie oder was?_

_Gob Squads Kopfhörertheater als adäquate Reaktion des Theaters auf die Erfindung des Kopfhörers, dieses kleinen Schallwandlers, der um 1910 erfunden wird, sage ich zu Andreas Neumeister, aber was ich mir wünschen würde: die Reaktion des Theaters auf die Erfindung der SMS, und zwar nicht als Minidramen in hundertsechzehn Zeichen, nicht als ironisches Sprechen in Abkürzungen, in a sort of Computerstimme, nicht mit dem obligatorischen Empfangston, den einige Theater immerhin schon als Warnung an die Zuschauer entdeckt haben, vor der Vorstellung doch bitte ihr Mobiltelefon auszuschalten, eher so: das, was an dramatischem Potential in der Sprache liegt, in der Technik liegt, in der Verschränkung von Sprache und Technik liegt, auch mal in den Guckkasten reinholen, so klingt die Zukunft, und da müssen wir ja hin, oder?_

_nach München?, also, wenn Sie mich in München sehen wollen, öffnen Sie diese e-Mail und sehen sie das Foto an, sehen Sie mich, mit Andreas Neumeister zusammen René Pollesch sehend [ein Stück von René Pollesch sehend, in München], sehen Sie meinem Gesicht das hier an: wow!, wowwowwow!, wow!, die Überforderung, die so was von gut tuende Überforderung, als würden ständig neue Pop-Up-Fenster aufspringen im Inneren, Pop-Up-Fenser, von denen aber keines nervt, sondern eines sehnsüchtiger herbeigesehnt wird als das vorige, wie Broken Social Scene, sage ich zu Andreas Neumeister, die einfach drei Musikstücke übereinander spielen und dann warten auf die Interferenzen, Interferenz als Überlagerung von Wellen, oder, sagt Andreas Neumeister, Interferenz als Übertragung muttersprachlicher Strukturen in eine Fremdsprache, und ich rufe: und was dabei herauskommt!, wie Theorie und Praxis übereinanderlegen, ja, das Leben und die Gedanken über das Leben interferieren lassen, die Theorie nicht den Büchern überlassen, die gehört doch zu uns!, Theorie als formbar, Theorie als verformbar, Theorie als performbar, nicht mehr, nicht weniger!, [wenn Sie einzelne Angebote nebeneinander angezeigt bekommen möchten, um sie besser vergleichen zu können, markieren Sie die entsprechenden Kontrollkästchen und klicken Sie dann auf: Vergleichen!]_

 

No. 3_public space: bewegen/sprechen

_passiert das Interessante, was im Theater passiert, nicht mehr im Theatertext, weil das Theatergebäude schon unter Denkmalschutz steht?, frage ich Jonte und Pelle, nein, sagen die, diesmal nicht, also diesmal kein Denkmalschutz, ein Lastwagen steht selten unter Denkmalschutz, hast du?, fragen sie, jaja, ich habe mein Mobiltelefon ausgeschaltet, ja, die Datenanzeigen auf der Wand des Lastwagens sind angeschaltet, und ja, es geht los, auf der Audiospur die Geschichte der osteuropäischen Lastwagenfahrer, auf den Datenanzeigen: die Geschichte eines westdeutschen Lastwagenunternehmens, auf den Straßen: die Geschichte einer Musikerin im roten Mantel, [hey baby, this is just around the corner], zwischendurch anhalten, aber das Tempo bleibt, genau so, wie es um mich herum jeden Tag geschieht, genau!, wie bei Rimini Protokoll, das ist richtiger Realismus für mich, sage ich, wenn alles nebeneinander passiert, nämlich: eine Geschichte im Computerspiel auf dem Laptop, eine Geschichte im Supermarkt, eine Geschichte beim U-Bahnfahren, manche Geschichten größer, manche kleiner, aber alles so ineinander und trotzdem so getrennt, daß ich nicht mehr weiß, wohin und wo nicht hin, und Jonte sagt, so funktioniert das alles ja, mit der Gegenwart, Pelle: auch im Theater möchte ich die Augenlider nicht öfter benutzen müssen als alle zwanzig bis dreißig Sekunden, die einzige Erfahrung, die nach zehn Stunden Wallenstein bleibt: eintausendzweihundert Lidschläge, lerne ich so meinen Körper kennen?, hey hey hey!, wo bitte ist denn hier die Gegenwart?, wenn das hier alles nicht for real ist?_

_was nicht for real ist: Die Räuber mit Jugendlichen aus Problemzonen in einer Problemzone inszenieren, obwohl der Text nichts mit den Jugendlichen zu tun hat, obwohl der Text nichts mit der Problemzone zu tun hat, weil dann die Vorgeschichte des Textes die einzige Problemzone für den Text ist, was for real ist: die gelöschten Graffiti, die ich neulich alle auf einmal sah, die du sonst nur verteilt siehst über eine Stadt, eine ganze Stadt und ihre grad noch leuchtenden Tags und Characters, alle gelöscht, mit dicken farblosen Balken, die sich vom Untergrund abheben, wer hat hier was rauskopiert?, und auf welcher Bühne dürfen wir diese Graffiti bald sehen?, gelöschte Graffiti, sagt Andreas Neumeister, gelöschte Graffiti sind ja auch Graffiti, genau!, sage ich, genaugenau, denn es wird ja fein säuberlich ausgelöscht, aber so bleiben die Umrisse, und die Umrisse bleiben auch lesbar, genau!, wie rauskopieren in Photoshop oder in Word, sagt Andreas Neumeister, genau!, wie bei Theorie, um die erfahrbar zu machen, da kannst du mit dem Ganzen umgehen oder mit Umrissen, manchmal sind die Umrisse ja auch das an der Theorie, was mit dir zu tun hat, und dann eben fein säuberlich radieren, mit dem Eraser Tool in Photoshop, und dann die Umrisse mitnehmen, rauskopieren, und die neu füllen, ja!_

_ein Pop-Up-Fenster, das die Sprache und den public space zusammenbringt: das Gebäude steht unter Datenschutz, das Dokument steht unter Denkmalschutz, dieser Körper hier steht unter Virenschutz, und unter Spamschutz steht er außerdem!, Jonte und Pelle nicken und zeigen auf sich, und öffnen ein neues Pop-Up-Fenster, in ihm: Regisseure, die Widersprüche zulassen, in sich, in dem Geschehen auf der Bühne und im Stück, Regisseure, die Gegenwart zulassen und viel mehr, die Gegenwart haben wollen, zum Beispiel die Gegenwart im public space, der nicht nur als Kulisse dient, weil so das Budget automatisch niedriger wird, Regisseure, die von ihren Schauspielern nicht alles verlangen, aber trotzdem alles bekommen, was die geben können, aber dann, als das Pop-Up-Fenster zerplatzt, in Reality: Regisseure, die Texte nicht mehr performativ aufpimpen müssen möchten, Regisseure, die endlich einmal Texte von A bis Z haben möchten, Regisseure, die sagen, Ihr müßt nur f***en f***en f***en schreiben, die das sagen, auch wenn nirgendwo f***en steht, nirgendwo!, Stücke mit dem Wort f***en f***en f***en f***en f***en f***en f***en f***en f***en f***en f***en

[This video has been removed due to terms of use violation!]

 

Outro_über Forderungen: Überforderungen

_was ich mir auf der Bühne am liebsten wünschen würde: Ein riesiges Pacmanlabyrinth, in dem Schauspieler gehen, rennen, springen, einer von ihnen als Pacman, die anderen als Gespenster, die Bewegungen der Gespenster gesteuert durch Vibration, Wärme oder kleine Elektroschocks, durch die Zuschauer, Bewegungen durch dies Labyrinth, und währenddessen werden ihnen die Texte eingegeben, die sie noch nicht kennen, über ein Telepromptersystem, das nicht zentriert ist, sondern sich über alle Wände dieses Labyrinths erstreckt, Geschichten, die mit denen zu tun haben, die diese Geschichten spielen, Geschichten, die nicht von A bis Z laufen, sondern Realität/Reality zeigen, wie sie ist, nämlich in all den Verlinkungen, in all ihrer Komplexität, ihrer Größe, so daß sich alle wundern, wie all das, was auf der Bühne zu hören und zu sehen ist, noch in die Höhe, Länge und Tiefe der Bühne paßt, daß ich nie das Gefühl habe, diese Geschichte ist schon längst abgeschlossen und hat deswegen besser Platz in einer Chronik als in mir!, wo ist die Vergangenheit denn, wenn die Gegenwart da ist?, wenn ich mich erinnere, sehe ich die Erinnerung vor mir, als wäre sie die Gegenwart, weil die Nervenzellen den Unterschied zwischen dem früher Erlebten und dem gerade-jetzt-Erleben doch gar nicht kennen_

_nur, was weiß mein Körper, solange er da ist, vom Verschwinden?, was weiß er vom Verdichten?, vom Komprimieren?, mp3s komprimieren, um mehr auf einen Player zu bekommen, sagt Jonte, Leben komprimieren, sagt Pelle, nicht gelebte, sondern: noch lebende Leben komprimieren, um mehr Leben auf eine Bühne zu bekommen, komprimieren/komponieren, damit alles in einem Bild sein kann, alles in einem Körper sein kann, alles auf einer Bühne, Theater als the phatter space to be, da paßt mehr rein als in einen Körper, ja okay, jaja okay, ja, komprimieren, ist klar, erst mal zusammenschieben, [Jonte fragt: wer bist du?: ¿ein Kopfhörer?, ¿eine Schallplatte?, ¿ein Instrument?], zusammenschieben, wie beim Carcrash, [Pelle sagt: der geht in Wirklichkeit auch schnell, das Geräusch zu identifizieren als ein Carcrashgeräusch, dazu gehört Erfahrung, nur Film und Fernsehen haben uns schon an die Zeitlupe vor den splitternden Fensterscheiben gewöhnt, an die ins Unerträgliche gedehnten Bremsgeräusche], oder die körperlichen Crashs und die Körper, sage ich, Komprimierung, die auch schon im Körper anfängt, im Körpergefühl, was gehört dazu?, was gehört nicht mehr dazu?, so wie mancher nach dem Schlaganfall aufwacht und denkt, sein linkes Bein gehöre nicht ihm, dies Phantombein sei angenäht worden, unbemerkt, so wie mancher nach dem Autounfall und der Amputation der Arme denkt seine Arme seien noch da, wer auf Nervenenden am Stumpf drückt, damit der Arm wieder da ist, damit die Hand, damit der Daumen, der kleine Finger, der Ringfinger, der ganze Arm komprimiert, in den Nervenenden, wer so seinen Körper ansieht, aus Versehen oder nicht aus Versehen, bemerkt, daß der alles bietet, was die Geschichtsschreibung braucht, nein, der Körper allein ist die Geschichten, von daher: alle Geschichten in einem Körper, in einem einzigen, alle an einem Abend erzählen, allein das wär Wahnsinn, wie dann die Geschichte, die dreivierfünfzehn Körper mir erzählen?, genau, das ist der Wahnsinn, rufen Jonte und Pelle, das ist der richtige Wahnsinn!_

_weshalb sonst zucke ich, weshalb sonst erröte ich, weshalb sonst schaue ich auf meine Haut, wenn ich an Sachen denke, die ich erlebt hab, zum Beispiel, weil ich mir immer eine Band gewünscht habe, vielleicht, weil ich immer mit Freunden Band-T-Shirts hatte von uns als Band, wenn wir nur die Instrumente etwas besser gespielt hätten, vielleicht deshalb, vielleicht aber nicht nur deshalb, wünsche ich mir Ensembles wie Bands, wo jeder spielt, weil er reinpaßt, weil er sein Instrument am Besten spielt, weil er genau die Musik mitbringt, die er ab der Zeit im Mutterleib mitbekommen hat, merken, wo die Menschen herkommen, aus welcher Musik, aus welcher Heimat, aus welchem Leben, Sampler an [wann wird Word das Wort: Sampler kennen?] Videobeamer: an!, und da steht: copy/cut/paste!_

_copy/cut/waste!: verbrauchen, verschwenden, verschleudern, aber nicht irgendwie, so wie eine Busfahrkarte: kaufen und entwerten, du mußt sie ja entwerten, du mußt ja mußt sie ja, du mußt ja entwerten/aufwerten, und so auch auf der Bühne: den Körper verbrauchen, den Atem verschwenden, den Text verschleudern, je mehr du verpulverst, desto schöner wirst du, copy/cut/waste, wie stehen unsere Körper zu diesen drei Möglichkeiten?, unsere Körper sagen: Wir wollen gleich drei Sachen auf einmal, das ist unsere Forderung, unsere Forderung, unsere Forderung nach Überforderung!_

_ sorry, sagt jemand, da ich bin ich grad zu zu zu, aber schon singen die Klaxons, the dance of the cosmos shows / the stitches of spaces that slowly come and go, und was doch klar ist: daß wir erst am Anfang sind, am Anfang dessen, was wir Wahrnehmung nennen, nicht mehr so am Anfang wie im 19. Jahrhundert, aber immer noch am Anfang, und irgendwann, wenn noch mehr und noch schneller komprimiert werden kann, irgendwann dann könnten alle in einem Bild sein, alle Instrumente, die du beim Komponieren gebrauchst, [wer bist du?, ¿eine Pauke?, ¿eine Violine?, ¿eine Harfe?], Thomas Thieme sagt, Mich emotional so gehen zu lassen, daß ich kaum mehr weiß, ob ich spiele oder gespielt werde, genau, genau das, gespielt werden wie ein Instrument und dann eingespielt werden in ein Speichermedium und komprimiert werden und wieder abgespielt werden, in der komprimierten Version, in der komponierten Version, in der alles ineinanderspielt, die spielenden/gespielten Körper der Schauspieler und die Bühne und die Kostüme und die Musik und der Text und die fassungslosen Gesichter im Publikum und auf der Bühne, alles ohne Anstrengung, alles mit der gleichen Anstrengung, mit der man auch das Leben anschaut, diese größte aller Überforderungen, ja!, auf meinem linken Ohr steigt grad David Bowies Stimme auf, von 1982, als er auf MTV sagt, Too much is never enough!, nein, nicht noch mehr mp3s löschen, nicht die Spammails auf meinem Computer löschen, die haben mehr mit mir zu tun als Nora, als Hamlet, nicht mit dem Videobeamer den Text den ich gerade hier schreiben will, auf mich projizieren, so kann ich nichts davon sehen!, oder nein, nicht aufhören!, [too much is never enough, never], endlich einmal alles auf einmal, endlich alles hören und alles sehen, alles in einem Musikstück hören, alles in einem Bild sehen, von links nach rechts: die Figuren, in der Reihenfolge ihres Verschwindens, genau, die Gedanken, in der Geschwindigkeit ihres Auftauchens, die Sprache in der Intensität ihrer Differenzen, in der Intensität eines lebenden Lebens, in dieser Gegenwart, ja!, das hätte ich gern zu meinen Lebzeiten einmal gesehen, aber irgendjemand sagt:

Sorry, I was unable to open this picture!