
ab März 2012 im Wallstein Verlag
Es ist leichter, einem Foto von sich immer ähnlicher zu werden, als zu lieben. Leichter, einer Geschichte hinterherzujagen, die sich mit leuchtenden Augen und dem perfekten Lächeln in unerreichbare Sphären aufgeschwungen hat, als im Treppenhaus beim Versuch, zu viele Stufen auf einmal zu nehmen, zu stürzen und, auch wenn klar ist, daß dieser Sturz kein schmerzloses Ende nehmen wird, die fallende Schönheit des Sturzes zu reflektieren. Und als die Tür, deren mintfarbene Farbe über die Jahre dir so sehr ans Herz gewachsen ist, vier Kratzer aufweist, von oben nach unten, von vier Fingern gezogen, im Sturz, sind die Entfernungen zur großen Liebe und zum eigenen Foto auf einmal beide gleich groß und beide viel zu weit. Komm schon, versuchs doch mal, versuch, wie dein Foto zu sein! Denkt er, zum wievielten Mal innerhalb von Wochen, ein Loop in seinem Hirn, und im Gegensatz zu Fernsehbildern von Explosionen, die, je öfter sie gezeigt werden, immer mehr an Wirklichkeit verlieren, wird dieser Satz für ihn immer klarer. Versuch einfach, dein Foto zu sein! An einem Sonntagmorgen im Dezember, noch nicht hell, nicht mal so hell, wie ein Dezembermorgen überhaupt wird, an diesem Dezembersonntagmorgen steht er hier und nimmt noch einmal die Nacht in den Blick, die bald zuende geht, und die er mit den anderen verbracht hat, in diesem Club am Kreuzweg. Ein junger Mann nimmt die Nacht und den darauffolgenden Tag in den Blick, aber zwischen Nacht und Tag liegt ein Traum. Dieser Traum gehört Thies, dreißig Jahre alt und von Nacht zu Nacht geplagt von diesem seltsamen Traum, dessen Bilder groß sind, präsent, nur die Musik unheimlich leise. Und hier, an diesem Sonntagmorgen im Dezember, fehlt die Musik ganz, auch der Traum fehlt, oder er deckt sich so sehr mit der Wirklichkeit vor ihm, mit der Wirklichkeit, von der der Traum träumt, daß der Unterschied nicht weiter auffällt. Oder es sind noch die Drogen. Als er sie anknipst, die Neonbeleuchtung, die karge, kalte und von ihm sehr geschätzte Küchenbeleuchtung, taucht etwas auf, also, es ist schon da, aber erst im Neonlicht erkennbar und so scanbar für ihn, zu dieser Uhrzeit nach dieser Nacht an diesem Dezembermorgen: ein Gemälde. In einem großen und goldenen barocken Bilderrahmen, der von außen nach innen selbst aus vielen, sehr sehr vielen Rahmen besteht: erst zwei nur wenige Millimeter schmale Rahmen ganz außen, dann [nach innen und zugleich in die Tiefe gehend, dorthin, wo das Bild sitzt:] ein mit Nadelzweigen ausgefüllter, breiterer Rahmen [Nadelzweige im Sommer, Hochsommer, Nadelzweige ohne Schnee], dann weiter, viele sehr schmale Rahmen, zusammengeklammert von Ornamenten, die ineinander verschlungenen Kordeln ähnlich sehen oder den Gesichtern stark geschminkter Girls, oder nein, neinnein, noch eher den Köpfen wilder Hunde, dann folgen: ein weiterer sehr schmaler Rahmen, ein breiterer, mit scharfen Kanten oder Zähnen ausgefüllter, dann zwei leere, schmale und ein letzter, breiter Rahmen, dem die Ehre zuteil wird, das Bild zu berühren, um das es hier geht. Eine Stadt, verlassen, leer, ausgeräubert, ein leichter Nebel liegt über ihr, wie wir es von so einem trostlosen Szenario auch erwarten, in dem sich zwar Menschen aufhalten, ja, sie sind so in das Gemälde hineingemalt, daß sie sogar in Bewegung scheinen, selbst wenn sie keine Bewegung ausführen, sind sie all das, was man an Beweglichkeit abverlangen kann von Menschen in diesem Jahrtausend. Menschen, wie sie über Ampeln gehen, bei Rot und bei Grün, wie sie Kippen anzünden, ausdrücken, anbieten, wie sie vom Lidl kommen, vom Aldi kommen, vom Edeka, vom Netto, Kaiser‘s und vom Türken, wie sie Pommes essen und Currywurst, Käsekrainer, Hot Dogs, Falafel oder Haloumi, mit Coffee To Go, Botox To Go, Porn To Go, mit Augen, in denen sich nichts abspielt, alles abspielt und alles als nichts, wie sie auf Smartphones herumwischen, in Smartphones hineinsprechen, mit Smartphones von sich Bilder machen, während sie Teil des großen Panoramas werden, das dieses Gemälde zeigt. Früher waren die Rahmen in Kirchen da, als Bestandteile ihrer Architektur, und sie waren immer statisch, um allem, was im Bild war, die Möglichkeit zu geben, sich zu bewegen. Heute sind die Rahmen beweglicher als das, was sie umrahmen. Menschen, in die sich Beweglichkeit reingeschoben hat, selbst wenn sie stehen, und die immer stehen, selbst wenn sie gehen, auf dem Gemälde hier. Und das, was wir Stadt nennen, ist zerstört. Er erinnert sich an einen Bombenangriff, an ein Erdbeben, eine Attacke durch Riesenmonster, an einen Besuch aus dem All, an tausend andere Möglichkeiten der Apokalypse, und irgendwas von diesen Möglichkeiten hat eine Spur hinterlassen, unübersehbar, obwohl die Gebäude NICHT zerstört oder überhaupt beschädigt sind, obwohl die Menschen NICHT versehrt, panisch oder angstvoll wirken, obwohl, im Gegenteil, alles recht aufgeräumt aussieht, aufpoliert, eingerichtet. Diese Stadt ist immer leer, auch wenn sie voller Menschen ist. Denn irgendetwas fehlt. Irgendein Geschehen muß sich abgespielt haben, eine Jagd, und es ist, jetzt, wo er genauer hinsieht, ohne daß er die Augen schärfer eingestellt hätte oder den Augapfel kurz bewegt, damit die Kontaktlinsen, die schon zwölf Stunden drin sind, sich nochmal anschmiegen können an den Tränenfilm auf der Hornhaut [ich liebe es, mich anzuschmiegen, an meine Tränen], jetzt sieht er, daß es zwei Arten sind, zwei verschiedene Arten von Jagd. Eine, deren Ergebnis man sieht, in den Gebäuden, den Menschen, in der aufpolierten Sicht. Und eine Jagd, die nicht in den Tag gehört und nicht in die Stadt, es muß eine andere sein, eine andere Stadt und eine andere Zeit als die, die das Gemälde überhaupt kennt. Es zieht sich eine blutige Spur durch das Bild, doch sie wurde entfernt. Bei Tagesanbruch wird diese Blutspur jeden Morgen aus dem Gemälde entfernt, doch das nützt gar nichts. Da, an der Straßenecke, am Umriß eines Kopfes, hineingepreßt in die Altbaufassade, da, an dem Baum, wundgescheuert, da, an dem Abdruck von Zähnen im Metall eines Fahrradständers. Irgendein Geschehen hat hier stattgefunden, das im Gemälde fehlt. Und es wird wieder stattfinden. Nein, wird es nicht. Und ob! Er achtet auf den Nebel, der leichte, über der Stadt wabernde Nebel, der den Gesichtern der mobilen Menschen ein paar ihrer wichtigsten Züge nimmt, ihre Bereitschaft, ihre Biegsamkeit, ihre Willigkeit, und nun, wo sich das Licht langsam herabsenkt [es ist eine Störung in der Neonbeleuchtung, die ein Flackern erzeugt, und das auch noch gedehnt, für ein paar Augenblicke an diesem Dezembersonntagmorgen von wenigen Mikrosekunden auf zehn und mehr Sekunden ausgedehnt], jetzt, wo das Licht lange so bleibt, abgedimmt, nimmt der Nebel eine Gestalt an, oder mehr als eine. Sind es zwei Menschen oder drei? Ist es eine Umarmung, oder was ist das? Arme, die versuchen, einen Ort zu formen, für den nur ein anderer ein Nutzungsrecht hat, nur einer. Es ist eine sehr feste, ungesund feste Umarmung, die er sieht, im Halbdunkel, durch Nebel geformt, zwei, die sich umarmen, und dann ist es aus. Es flackert. Schnell. Schneller. Es flackert und flackert und flackert noch viele Male, doch viel zu schnell. Es wird keine Gesichter geben, zu dieser Umarmung. Keine. Er wird keine Umarmung mehr sehen. Ach. Scheiße, diese Störungen! Die verdammte Neonbeleuchtung, die. Die macht alles kaputt. Fangen wir nochmal an. Von vorn! Warte. Ich hol kurz Popcorn.